Politische Unsicherheiten treffen auf Fundamentaldaten
Am 3. November 2026 finden in den USA die Zwischenwahlen statt. Gewählt werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der insgesamt 100 Sitze im Senat. Die Republikaner kontrollieren derzeit beide Kammern; ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus ist knapp, im Senat halten sie 53 Sitze.
Aktuelle unabhängige Wahlanalysen sehen die Demokraten im Vorteil, die Kontrolle des Repräsentantenhauses zurückzugewinnen. Wie deutlich die Sitzverschiebung ausfallen könnte, ist jedoch umstritten; die Prognosen weisen eine breite Bandbreite möglicher Ergebnisse aus. Auch beim Senat gehen die Einschätzungen auseinander. Einige Modelle sehen ein nahezu ausgeglichenes Rennen, andere weiterhin einen deutlichen republikanischen Vorteil.
Zusätzlich beeinflussen neue Wahlkreisgrenzen den Ausgang. Nach Berechnungen des US-Wahlanalysehauses Cook Political Report ist der landesweit mittlere Wahlkreis nach den jüngsten Neuzuschnitten zwei Prozentpunkte stärker republikanisch geprägt als zuvor. Die aktuellen Einschätzungen des Repräsentantenhauses beruhen bereits auf den neuen Wahlkreisgrenzen. Damit bleibt offen, wie gross der politische Handlungsspielraum von Präsident Donald Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtsperiode sein wird.
Für Anlegerinnen und Anleger ist das relevant, weil politische Mehrheiten Steuern, Regulierung, Staatsausgaben und die Rahmenbedingungen einzelner Branchen beeinflussen können. Ein Mehrheitswechsel in nur einer Kammer kann grössere parteipolitische Gesetzesvorhaben erschweren. Für den Gesamtmarkt bleiben jedoch Konjunktur, Unternehmensgewinne, Inflation, Zinsen und Bewertungen zentrale Treiber.
Historisch fällt rund um die Zwischenwahlen ein Muster auf. Unsere Bloomberg-Auswertung der acht abgeschlossenen Wahlzyklen von 1989 bis 2025 zeigt: Der S&P 500 Total Return Index, der Dividenden einbezieht, erzielte im Jahr der Zwischenwahl durchschnittlich rund 3%, im Folgejahr rund 20%. In allen Zyklen war die Rendite in den zwölf Monaten nach den Midterms positiv. Acht Beobachtungen erlauben allerdings keine belastbare Prognose. Zudem fällt das Zeitfenster nach den Midterms mit dem dritten Jahr der Präsidentschaft zusammen, das in unserer Auswertung im Durchschnitt die höchsten Renditen der vier Zyklusjahre aufwies.

Auch auf Sektorebene verändert sich die Marktführerschaft durch die Zwischenwahl. In unserer Auswertung der Midterms von 1990-2022 lagen von Juni bis Oktober jeweils insbesondere Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter vor dem S&P 500, von November bis März hingegen sind es vor allem Informationstechnologie und zyklischer Konsum. Auch dieses Muster war nicht in jedem Wahlzyklus gleich und ist keine Grundlage für kurzfristige Sektorumschichtungen.

Für die Zeit nach den Wahlen sind drei politische Konstellationen relevant. Bei demokratischen Mehrheiten in beiden Kammern würden weitere republikanische Gesetzesvorhaben etwa im Gesundheits-, Sozial- oder Energiebereich auf höhere Hürden treffen. Dabei ist wichtig zu beachten, dass ein im Juli 2025 verabschiedetes, umfangreiches Steuer- und Ausgabengesetz bereits das staatliche Gesundheitsprogramm für einkommensschwächere und bestimmte besonders schutzbedürftige Personen sowie die Lebensmittelhilfe für einkommensschwache Haushalte verändert. Zudem wurden verschiedene Förderungen für saubere Energien verkürzt oder beendet. Ein neuer Kongress könnte diese Regeln nicht automatisch rückgängig machen. Dafür wäre grundsätzlich auch die Zustimmung des Präsidenten oder eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern nötig, um ein Veto zu überstimmen.
Republikanische Mehrheiten würden eher für Kontinuität bei der bisherigen Steuer-, Regulierungs-, Energie- und Ausgabenpolitik sprechen. Politische Änderungen könnten dann vor allem für klassische Energie, Finanzwerte sowie Teile von Industrie, Verteidigung und Sicherheit relevant sein. Das bedeutet jedoch nicht automatisch eine bessere Börsenentwicklung. Zinsen, Rohstoffpreise, Bewertungen und Unternehmensgewinne können politische Einflüsse überlagern.
Ein geteilter Kongress dürfte die Hürden für grosse parteipolitische Gesetzespakete erhöhen. Das kann politische Blockaden bedeuten, zugleich aber die Wahrscheinlichkeit abrupter gesetzgeberischer Veränderungen reduzieren.
Für Schweizer Anleger kommt die Währung hinzu. Wer US-Anlagen ohne Währungsabsicherung hält, trägt zugleich ein US-Dollar-Risiko. Bewegungen des Dollars gegenüber dem Franken können die Anlagerenditen verstärken oder abschwächen und sollten im Portfoliokontext berücksichtigt werden.
Unser Fazit: Die Midterms sind kein Anlass für hektische Portfolioumschichtungen. Sie sind aber ein sinnvoller Moment, Portfolios zu überprüfen. Welche Positionen sind besonders von US-Regulierung abhängig? Wo sind Bewertungen anspruchsvoll? Welche Unternehmen verfügen unabhängig vom Wahlausgang über robuste Geschäftsmodelle und Gewinnprofile?
Politik kann kurzfristig Volatilität und sektorale Verschiebungen auslösen. Für die langfristige Wertentwicklung bleiben jedoch Geschäftsmodellqualität, Bewertung, Gewinnentwicklung, Bilanzstärke und ein disziplinierter Anlageprozess zentral.

Benny Mullis
Partner, Stv. Leiter Asset Management





