>> Juli 2026: Die neue Ausgabe der Marktperspektiven
Die grossen wirtschaftlichen Umwälzungen der Geschichte beginnen selten mit einem lauten Knall. Oft entstehen sie schleichend, im Hintergrund, bevor sie plötzlich ganze Branchen und Gesellschaften verändern. Vieles spricht dafür, dass wir uns derzeit in einer solchen Phase befinden.
Die digitale Transformation und insbesondere die Künstliche Intelligenz (KI) haben eine neue Industrialisierung ausgelöst. KI wird häufig mit den technologischen Gewinnern der Gegenwart in Verbindung gebracht: Mikrochips, Rechenzentren und Softwareplattformen. Doch industrielle Revolutionen werden nicht allein durch die technologische Entwicklung definiert, sondern durch die wirtschaftlichen Veränderungen, die sie auslösen.
Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht dies. Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert standen zunächst die Maschinenbauer und Ingenieure im Mittelpunkt. Ihre Erfindungen machten neue Produktionsformen überhaupt erst möglich. Die eigentliche wirtschaftliche Bedeutung zeigte sich jedoch später, als die neuen Technologien verbreitet Einzug in Fabriken und Büros hielten, was ganze Wertschöpfungsketten reformierte.
Heute erleben wir erneut eine solche Situation. Die Ingenieure unserer Zeit entwickeln Sprachmodelle, Algorithmen und digitale Werkzeuge, welche ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Unternehmen müssen jetzt lernen, diese Technologien sinnvoll in ihre Prozesse, Produkte und Dienstleistungen zu integrieren. Der Mensch wird auch in dieser neuen Industrialisierungsphase nicht komplett ersetzt, aber seine Rolle verändert sich vom Entwickler zunehmend zum Anwender, Entscheider und Gestalter.
Gleichzeitig befindet sich die KI-Wirtschaft noch in ihrer Pionierphase. Weltweit wird sehr viel investiert, experimentiert und getestet. Kaum ein Unternehmen verzichtet heute auf eine KI-Strategie. Doch nach dem Tüfteln folgt die Phase der Bestätigung in der Praxis.
Die entscheidende Frage lautet nicht, was künstliche Intelligenz theoretisch leisten könnte, sondern wo sie nachweisbar Produktivität erhöht, Kosten senkt oder neues Potential ausschöpft. Gerade die Schweiz verfügt hierfür über ausgezeichnete Voraussetzungen. Mit ihrer starken Industrie, führenden Pharmaunternehmen, hochspezialisierten Dienstleistern und renommierten Forschungsinstitutionen gehört sie zu den Ländern, die neue Technologien besonders effizient in wirtschaftlichen Nutzen und Wettbewerbsvorteile übersetzen können.
Fazit: Durch die KI-Revolution beginnt eine neue Phase der Industrialisierung. Nach Jahren der Entwicklung und Euphorie steht jetzt der Praxistest bevor. Die grossen Gewinner der kommenden Jahre dürften deshalb nicht jene sein, die künstliche Intelligenz entwickeln, sondern jene, die damit möglichst rasch produktiver, innovativer und wettbewerbsfähiger werden.
Giorgio Saraco,
Teilhaber, Leiter Asset Management





